Clarorum virorum facta moresque

 Clarorum virorum facta moresque posteris tradere

von Dr. rer. nat. Eckhard Lieb, Hildesheim, Juni 1998/April 2013

 Zum 14. Juni 1998: Rede anläßlich der Feier des Vereins der ehemali­gen Corvinianer und Richenzen und des Treffens der Silbernen, 35jährigen, Gol­denen und Eisernen Abituri­enten im Gymnasium Cor­vinianum in Northeim

Meine Damen und Herren,

hervorragender Männer Handeln und Charakter den Nachkommen zu über­liefern, hat nicht einmal unsere Generation unterlassen, die doch sonst gleichgültig gegenüber den Ihren ist. „Clarorum virorum facta moresque posteris tradere […] ne nostris temporibus quamquam incu­riosa suorum aetas omisit.“

 1.

 Als wir vor 35 Jahren diesen Text des Tacitus in unserer Abiturklausur über­setzten, nahm ich ihn als intellektuelle Herausforderung an die Solidität mei­ner Lateinkenntnisse. Ich ahnte nicht, daß er einmal eine ganz andere Be­deutung für mich erhalten würde, 35 Jahre später, heute, wenn es darum geht, an einen dieser „clari viri“, dieser Männer zu erinnern, denen ich so viel zu verdanken habe. Ich will von Dr. Herbert Fankhänel sprechen, der uns damals die­sen Text zu übersetzen und zu bedenken gab. Heute werde ich nur von ihm reden, obwohl wir in unserer Schulzeit viele hervorragende Lehrer hatten. Ich will keinen Zweifel daran lassen, daß er zu ihnen gehört, die Tacitus nennt: clarus, von großer und vornehmer virtus. Wie Tacitus, den ich noch einmal zitiere, „bedarf ich heutzutage der Nachsicht, wenn ich das Leben eines Ver­storbenen schildern will; ich müßte sie nicht erbitten, wenn ich anklagen wollte: So wü­tend und feindlich gegen große Per­sön­lichkei­ten ist unsere Gegenwart.“ So Tacitus vor 1900 Jahren.

Was hier bei Tacitus in der Einleitung zum liber de vita et moribus Iulii Agricolae steht, hat meine Mutter in einem Brief an Fankhänel vom 26. 4. 1970 so geschrieben, als hätte sie den Tacitustext vor Augen: „Gerade jetzt, wo, wie es scheint, nur Fehler addiert wer­den, ist es mir ein aufrichtiges Be­dürfnis, Ihnen zu versichern, daß ich in den vielen Jah­ren, in denen ich drei Söhne auf dem Corvinianum hatte, Sie stets als guten Lehrer und verständ­nisvollen und ge­schickten Pädagogen gerade in Konfliktsituationen kennen­ge­lernt habe. Mit den besten Wün­schen, Ihre Hanna Lieb.“

Damals schrieb ich einen Leserbrief an die NNN, in dem ich eben dies be­stätigte. Er wurde nie abgedruckt. Als Student, seinerzeit in Cambridge, hatte ich auch anderes im Sinne, und die Jahre gingen darüber hin.

Meine Mutter war es, die zu Beginn dieses Jahres 1998 mir bewußt machte, daß ich etwas ver­säumte hatte: Sie lag im Februar im Krankenhaus, sie war sehr, sehr elend und wir hatten Sorge, ob sie mit ihren 89 Jahren noch einmal Kraft zur Erholung finden würde. Sie sagte mir dann bei einem meiner Be­suche, sie habe die ganze Nacht wach gelegen und über vieles nachgedacht. Auch über Fankhänel. Dies war für mich völlig überraschend – 28 Jahre nach diesem Brief und 35 Jahre nach dem Abitur ihres jüngsten Sohnes, sagte sie „am Ende meines Lebens habe ich auch darüber nachgedacht, was ich versäumt habe“.

Verzeihen Sie, daß dieser Bericht sehr persönlich wird. Das Verhältnis von Lehrer zu Schüler ist kein geschäftsmäßiges, und ein Bericht darüber kann nur persönlich sein. Daß er sich auch um Genauigkeit bemüht, ist kein Ge­gensatz. Manches von dem, was ich be­richten werde, sind Erinnerungen von Freunden, Erinnerungen an Ereignisse, die mir nicht mehr im Gedächtnis waren. Manches, was ich Ihnen berichten werde, entstammt auch schriftli­chen Quellen. Ich habe, als ich mich anschickte, diesen Bericht zusammen­zustellen, Klassenkameraden um Hilfe gebeten, eben weil nicht jeder mehr sich an das­selbe oder gar an alles erinnert. Mein Bericht heute nennt und macht Gebrauch von die­sen Quellen.

2.

 Einer der Klassenkameraden beginnt seinen sehr persönlichen Bericht über Fankhänel mit folgenden Sätzen:

„Eigentlich mochten wir uns immer schon, schon vom Probeunterricht her, ich, der Volksschüler, der als erster aus der Familie die Chance hatte, das Gymnasium zu besu­chen, voll Ehr­geiz und mit hohem Einsatzwillen, der großen Möglichkeiten bewußt, und bereit, viel dafür zu tun und etwas daraus zu machen.

Er, aus der Generation der Kriegsheimkehrer, im Grunde meinem Vater seelenverwandt. Beide hatten in einem sinnlosen Krieg gekämpft, den Zu­sammenbruch all dessen erlebt, wofür sie ihr Leben wagen mußten. Und nun setzte diese Generation, die den Krieg überlebt hatte, mit neuer Energie und ungeheurem Einsatz ihre ganze Kraft in den Aufbau einer friedlicheren Welt, sie wollte neu beginnen und Besseres emporwachsen sehen

Auch er wie ich Sohn eines Beamten, auch er von dem Ehrgeiz und Lei­s­tungswillen des Hochbe­gabten und sehr fleißigen Jungen geprägt, der die Chance hatte, in Leipzig das Gymnasium zu besu­chen und zu studieren, mit großen Gaben, phantastischen Zeugnissen in Schule und Studium, eingeengt durch die finanzielle Misere in den Jahren der Welt­wirtschaftskrise.“ Soweit der Bericht eines Klassenkameraden über Fankhänel.

Was dieser Klassenkamerad hier beschreibt, war mir als Schüler nie so klar gewesen wie ihm. Fankhänel hatte, wie so viele aus unserer Elterngeneration und auch mein eigener Vater, Heinrich Lieb, und meine Mutter, in den Jah­ren der Weimarer Republik – mit wenig mehr als mit der ideellen Unterstüt­zung aus ihren Elternhäusern – sich ihre wissenschaftliche Aus­bildung an der Universität selbst ver­dient: mit Nachhilfestunden und jeder Art von Arbeit, bis hin zum Kartenverkauf auf der Leipziger Rennbahn, wie Herbert Fank­hänel, oder, wie mein eigener Va­ter, durch Kor­rekturlesen und Nachrechnen der Buchmanuskripte und Druckfahnen seines wissenschaft­lichen Lehrers. Sie hatten mit der wissenschaftlichen Ausbildung auch einen so­zialen Auf­stieg gegen alle wirtschaftlichen Zwänge erarbeitet, und Fankhä­nel zumal sah jeden Schüler, der nach dem zweiten Kriege, unter ähnlich widrigen Um­ständen unter ungünstigsten wirtschaftlichen Vor­aussetzungen zu lernen be­reit und fähig war, und för­derte ihn. Ich selbst dachte immer, es sei mein eigenes Verdienst, wenn meine Leistung Anerkennung fand; daß hier ein sozial sensi­bler Lehrer uns auch persönlich för­derte, ist mir erst jetzt deutlich geworden. 1957/58 beispiels­weise haben 114 Schüler, darunter mein älterer Bruder und ich Freistellen. (Das Schulgeld betrug zu Beginn meiner Schul­zeit an der Corvinusschule im­merhin noch 10 DM im Mo­nat, wofür meine Mutter mehrere Stun­den Nachhilfeunterricht erteilen mußte.)Erzie­hungs­beihilfen von 40 DM waren seltene, aber bei einem Monatsein­kommen von kaum 600 DM noch zu Beginn der 60er Jahre und zwei studierenden Söhnen für meine Mutter wichtige Hilfen.

3.

Fankhänel war begeisterter und begeisternder Altphilologe. Er hatte unsere Klasse 1954 beim Probeunterricht kennengelernt und übernahm dann 1956 den Lateinunterricht. Ich erinnere mich an die erste Stunde. Er kam und be­grüße uns – „Salvete“ – „Guten Morgen, Herr Direk­tor“, er verschwand und kam erneut zur Tür herein: „Salvete“ – das Spiel wie­derholte sich, nicht allzu oft, denn wir spielten bald mit. „Salve, magister“.

Wir lernten rasch – natürlich nicht immer mit Enthusiasmus. Habensteins Wortkunde von vorn bis hinten und zurück; insbesondere die Seite 60 mit nichts als Partikeln war schwer zu behalten. Die Klassenarbeiten waren an­spruchsvoll: z.B. in der letzten Klasse Vergils Aeneis II 768 –800, Plinius epistula VI 16, der Ausbruch des Vesuv, Tacitus Historien I, 1 – 3, die Ein­leitung mit Tacitus‘ Bekenntnis zur objektiven Geschichts­schreibung (incor­rupta fides): incorruptam fidem professis neque amore quisquam et sine odio dicendus est; schließlich Cicero, de officiis I, 69/71; und dann eben im Ab­itur noch einmal Tacitus; jeweils mit einer An­schlußfrage, die zeigte, ob wir mehr als nur übersetzen konnten.

Voka­beln wurden wenig gegeben, 4 oder 6 pro Arbeit, ein Wörterbuch war nicht gestat­tet.

Ich ge­hörte zu den ganz wenigen, die auch nie eines benutzten:

Mir war die gute Leistung und selbstverständlich auch ihre Anerkennung wichtig, eine nicht ehrlich erbrachte Leistung wäre für mich nichts wert ge­wesen – denn ich hätte ge­wußt, wie sie zustande gekommen war. Vor Fank­hänel hatte ich keine Angst, ich spürte aber, daß er viel von mir erwartete, und eine Leistung, die hinter seinen Erwartungen zu­rückblieb, hätte ihn ent­täuscht. Einen anderen zu enttäuschen, wäre mir sehr unangenehm gewesen. So motivierte er mich und noch einige andere.

Der Freund, dessen Bericht über Fankhänel ich schon zitierte,  hat dies auch gesehen und beschreibt es so; ich darf noch einmal zitieren: „Seine Überset­zung von fides. Offenbar im altrömischen Rechtsver­ständnis der Begriff für Anstand, Vertrauenswürdigkeit, Ver­läßlich­keit: fides ist, wenn man ein Pferd kauft, von dem der Handelspartner sagt, es sei sechs Jahre alt, und es ist tatsächlich auch nur sechs und nicht sechzehn Jahre alt.“

Auch an die Erwartung, die Herausforderung war, erinnert sich dieser Klas­senkamerad: „Die Rede Caesars an die Legionen (Bellum Gallicum I, 40), die aus Angst vor den Germanen zu meutern drohen: „sollte aber der Fall eintreten, daß ihm (Caesar) niemand folge, so werde er eben mit der 10. Le­gion allein aufbrechen, denn bei ihr sei er sich völlig sicher“, vergleichbar dem, was Shakespeare Heinrich den V vor der Schlacht von Agincour sagen läßt, nämlich: proclaim it, /that he which has no stomach to this fight,/let him depart; his passport shall be made,/ and crowns for convoy put into his purse. Auch das hat sich mir eingeprägt.“

Meine eigenen Erinnerungen an den Unterricht sind nicht so martialisch. Sehr viel Ge­spür für lateinische Poesie fand ich bei Fankhänel, sehr viel Be­geisterung für stilistische Feinheiten und – ja auch – syntakti­sche und gram­matische Besonderheiten als Mittel stilistischen Raffinesses. Ta­citus war hier nicht nur als Historiker, sondern auch als spätklassischer Schrift­steller wich­tig. Und wann immer wir etwas entdeckt hatten, sprachlich, oder inhaltlich, Fankhä­nel sah darin Stoff für eine Doktorarbeit. Seine Erwartun­gen an uns waren hoch, und er hat uns viel gegeben. Grie­chisch vier Jahre, vier Tage, jede Schulwoche vor dem regulä­ren Unterricht, von 7.00 bis 8.45. Ulrike schickte er schon immer zwei Minuten früher los. Wir sahen dann um 6.58, wie er die Gartenpforte in der Goethe-Straße schloß und doch noch einiger­maßen pünktlich den Unterricht begann.

4.

Fankhänel war der „Chef“. Keine Frage. Aber er stand hinter seinen Lehrern. Als Schüler ha­ben wir darüber eigentlich nie nachgedacht. Aber im Nach­hinein ist mir dies deutlich. Wir hatten Anfang der 10 einen neuen Chemie­lehrer bekommen, Herrn Garbrecht, einen angehenden Referendaren aus der damaligen SBZ. Unser Chemieunterricht war vorher etwas chaotisch gewe­sen, jedem war eine Note zugewiesen, nicht ohne Ansehen der Personen, aber doch ohne Ansehen der Lei­stung. Und jetzt kam Garbrecht und fragte uns jede Stunde ab. Das Haber-Bosch-Verfah­ren, alle technischen Details und insbesondere chemische Gleichun­gen, bei denen alle Ladungen stimmen mußten. Wie auch heute noch in solchen Situationen, ist der neue Lehrer schuld und der Schulleiter muß informiert werden, um für die Wie­derher­stellung des status quo ante zu sor­gen. Hans-Eberhard und ich wurden also zum Chef geschickt, um uns im Auftrage der Klasse zu beschweren. Wir flogen nach einem hef­tigen Donnerwetter wieder raus. (Hans-Eberhard erin­nert sich an dieses Don­nerwetter; ich selbst kann mich eigentlich nur noch an meine holprige Wiedergabe der chemischen Gleichung erinnern.) (Ich habe die Gelegenheit benutzt, nach 38 Jahren mit Herrn Gar­brecht Kontakt aufzunehmen – er hat von diesen Vorgängen überhaupt nichts mitbe­kommen – Fankhänel hat also nicht nur nach außen, gegenüber den Schülern, seine Lehrer verteidigt; er wußte, derartige Bekümmernisse von Klassen richtig einzu­schätzen und machte sie auch intern gegenüber den betroffenen Kolle­gen nicht zum Thema.)

Fankhänel – wie jeder gute Chef – suchte gute Lehrer für seine Schule. Dies war ange­sichts des ständigen Lehrermangels ein mühseliges Geschäft. Dr. Graewe, ein hervorra­gender Ma­thematiker und Physiker von didaktisch, metho­disch und fachlich stupender, sokratischer Könnerschaft, wechselte unter Fankhänel von der Richenzaschule ans Cor­vinianum, den neuen Mu­siklehrer Heinz Günter Karbaum holte Fankhänel 1956 von sei­ner alten Schule aus Holzminden, wofür jener sich seinerzeit überschwenglich be­dankte.

Fankhänel hat die Schule in den 50er und 60er Jahren groß gemacht. Wenn auch sein uner­müdlicher Einsatz für die Errichtung eines humanistischen Zweiges keinen Erfolg hatte, so gelang es ihm, den naturwissenschaftlichen Zweig zu etablieren. Die Aufrufe an die Eltern, für den Ausbau der Natur­wissenschaftlichen Sammlung zu spenden – eine der Voraussetzun­gen für die Einrichtung des naturwissenschaftlichen Zweigs, trugen Fank­hänels Unterschrift. Wenn auch Heinrich Ungerer und Herbert Graewe oder Frido Kopp sich gleicherma­ßen für den m-Zweig ein­setzten, so ist es doch jedem Fachmann klar: Ein solches Unter­nehmen kann nur dann Erfolg haben, wenn der Schulleiter die Sache zu seiner eigenen macht. Fankhänel förderte auch die Schüler auf dem m-Zweig, die eigentlich wegen noto­rischer Schwächen in Deutsch oder den Sprachen ohne sein Wohlwollen keine Chance gehabt hätten, Abitur zu machen, wenn nur ihre ma­thematische Begabung außer Frage stand.

Fankhänel hätte nie daran gedacht – selbst wenn es zutreffend gewesen wäre – sich damit zu brüsten, „Mathematik noch nie gekonnt zu haben“. Unter „Gebildeten“ in Deutschland ist dies leider immer noch üblich.. Nicht in Frankreich, nicht in England und wohl in kei­nem zivili­sierten Land gehört mathematische Ignoranz zum „guten Ton“. Für Fankhänel war ein guter Naturwissenschaftler mit breiter Allgemeinbildung, auch humanistischer, am besten geeignet, eine moderne Gesellschaft verantwortlich zu gestalten. Der Graecist sah mit Platon in der Mathematik die „Idealwissenschaft“, die Zu­gang zum Reich der Ideen bot. Selbstverständlich lasen wir die berühmte Passage aus dem Menon, in der So­krates, dem Zitterrochen gleich, sei­nen Schüler verwirrt, um ihm dann um so sicherer die Erkenntnis zu entlocken, daß die Sei­tenlänge eines „achtfüßigen“ Quadrats kein ganzzah­liges Vielfa­ches der Seitenlänge des Ein­heitsquadrats ist.

Die Einrichtung des mathematischen Zweigs war Fankhänel ein Herzensan­liegen.

5.

Fankhänel war ein eminent politischer Mensch. Vordergründig drückte sich dies in Sym­pa­thien für die FDP aus – gute Kontakte zu dem Landtagsabge­ord­neten der Freien De­mokraten Winfried Hedergott aus Northeim nutzte er für das Wohl der Schule; theou dóron erläuterte er schon mal am Vornamen des ersten Bundespräsi­denten und FDP Poli­tikers Heuß – „ein wahres Got­tesgeschenk“. Doch hat er nie Parteipolitik betrieben.

Seine Mitgliedschaft im Vorstand des Kuratoriums Unteilbares Deutschland zeigte sein we­sentliches Anliegen, das Bewußtsein von der Einheit der Na­tion in den Zeiten des Kalten Krieges wachzu­halten; gerade weil er die Überparteilichkeit dieses Gremiums kannte und auch immer wieder betonte, engagierte er sich hier und hielt in dem Kurato­rium gute Kontakte so be­kannten SPD Politikern wie Carlo Schmid. Die politischen Dis­kussions­nachmittage, die auch über den engeren Schulbereich Zuspruch fanden, führten prominente Redner der verschiedenen politischen Richtungen nach Northeim, von Martin Niemöller über Sebastian Haffner bis zum Bundes­schatzmi­nister Dollinger. Die überwie­gende Zahl der Vorträge ist Fragen der Deutschlandpolitik gewidmet – wie es damals hieß, wenn die Westintegra­tion der Bundesrepublik vor der Präambel des Grundgesetzes ge­rechtfertigt werden sollte. Schüleraktivitäten bei landwirt­schaftlichen Einsätzen u.ä. wurden für das Lager Friedland oder die Carepakete in die „Ostzone“ ge­spendet. Ich er­innere mich noch an einen Vormittag beim Rübenverziehen, der dadurch einen besonde­ren Reiz hatte, daß auch eine Klasse der Richen­zaschule daran beteiligt war. Dr. Ebel als Mecklenburger Bau­ernsohn war ja nicht minder deutsch­landpolitisch engagiert. Eine ost­kundliche Woche unter dem Thema „Deutschland und Polen“ wird während unseres letzten Schul­jahres 1962/63 durchgeführt und über die Klassen­verbände hinweg in jahr­gangsübergreifenden Kursen orga­nisiert. Diese politi­schen Aktivitä­ten fin­den außerhalb der Schule durchaus Anerkennung. Der Schillerpreis der Freien Univer­sität „dankt dem Corvinianum für sein beispielhaftes Wirken zur Er­haltung und Stärkung ei­nes gesamt­deutschen Bewußtseins“ (1964).

Die Westintegration Deutschlands und die Aussöhnung mit Frankreich wa­ren die we­sentli­chen Erfolge der Außenpolitik der Adenauerära. Für einen politischen Schulleiter bot sich in der Organisation eines deutsch-französi­schen Schüleraustauschs – lange vor dem deutsch-franzö­sischen Jugend­werk–  eine sinnvolle Möglichkeit, hier mitzutun. Auch hier­für gab es immer wieder einmal Anerkennung und Ehrungen für Schule und Schul­leiter.

Natürlich waren wir nicht unkritisch, sahen Widersprüche und widerspra­chen selbst. Ein Klassenkamerad erinnert sich: „Einige ältere Schüler mo­kierten sich, daß die Ansteckna­deln mit dem Brandenburger Tor in den Klassen unter Druck zum Verkauf gegeben wur­den; das Ar­gument der älte­ren Schüler, für Freiheit könne man nur in Freiheit werben, schien uns theo­re­tisch richtig, erfaßte aber nicht das innere Herzensanliegen, das für Herrn Fankhänel dahinter stand.“ Ein anderer, Orchestermitglied, berichtet von ei­ner Veranstaltung des Lions Clubs in unserer Aula, auf der Fankhänel als Mitbegründer des Northeimer Clubs, eine brillante Rede gehalten hat. Das Schulorchester umrahmte diese Veranstaltung musika­lisch. Hinterher fragte sich mancher der Orchestermusiker, ob dies denn nun eine Schulveranstal­tung oder eine Lions-Feier ge­wesen sei. Ich selbst muß wohl ziemlich deut­lich –– 1962 während der Spiegelkrise ¾ Adenauers und Strauß‘ Aktio­nis­mus kritisiert und damit Fankhänels hei­ligen Zorn provoziert haben: Er lasse sich diesen besseren und schöneren neuen Staat durch solche zersetzenden Gestalten (wie Ahlers, Augstein oder auch mich?) nicht ka­puttma­chen.

Fankhänels politisches Engagement war typisch für die Generation, die durch die Kata­stro­phe Deutschlands sichtbar wie Fankhänel und auch zu­tiefst im Innern traumatisiert, einen neuen, demokrati­schen Staat aufbauen wollte. Wir sahen die Widersprüche dieser Politik, und wo wir sie nicht sa­hen, da widersprachen wir, wie politisch interessierte Jun­gen schon immer ihren Leh­rern und Eltern widersprochen haben.

Dieser Widerspruch schmälerte nicht unseren Respekt und unsere Dankbar­keit.

6.

Ich habe Fankhänel nach der Schulzeit nie wiedergesehen. Trotzdem war er mir immer gegenwärtig. Und manchmal traf ich Menschen, die ihn auch in seinen letzten Berufsjah­ren gekannt hatten, als Oberschulrat in Braun­schweig. Eine Kollegin, seinerzeit Fachbe­raterin für Biologie in Braun­schweig, erinnert sich, – ich zitiere: „daß ich ihn in meiner ersten Fachbe­rate­rinnen-Zeit zum Abitur im Gymnasium im Schloß in Wolfenbüttel beglei­tete, ihn dort im Hinblick auf Biologie beriet. Dabei sah ich mit Respekt seine den Menschen zuge­wandte Art des Umgangs mit Lehrern und Schü­lern. Ich lernte von ihm, nicht nur fach­lich exakt zu urteilen, sondern auch die Gesamtsituation zu bedenken.

Ich bin noch öfter mit ihm unterwegs gewesen und mochte ihn sehr.“

Soweit diese Kollegin, die Fankhänel als Vorgesetzten und Kollegen erlebt hat. Um wieviel mehr können wir, die wir ihm als Lehrer in einem unserer wichtigsten Lebensabschnitte begegnet sind, dieses Urteil bestätigen.

Wir ha­ben bei Fankhänel immer das gespürt, was er uns im Latein- und Griechischunterricht vermittelte: „fides“ – Verläßlichkeit, Treue den ihm an­vertrauten Schülern und sich selbst gegenüber, in­tellektuelle Redlichkeit, Authentizität.

Ich erinnere mich an einen späten Nachmittag, als er uns, die „Griechen“, zu sich in die Goe­the-Straße in den Garten eingeladen hatte, der warme Som­merabend brach herein, wir planten, einmal nach der Schulzeit, gemeinsam mit ihm nach Griechenland zu fahren. Es muß einer seiner glücklichsten Mo­mente mit Schülern gewe­sen sein und war sicherlich auch einer unse­rer glücklichsten Augenblicke während der Schul­zeit.

Hierfür sind wir dankbar.

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